Axis Mundi

I: Spannung entsteht immer dann, wenn das Gegenwärtige, das nach vorne, in die Zukunft orientiert ist, sich mit der Vergangenheit vereinbart, um sich von ihr zugleich zu lösen. Dieser Prozess ist bei Michael Franke theoretisch wie malerisch ausgebildet.
Die Bildformen wie Triptychon, Diptychon usw. sprechen dafür, dass der Künstler gelernt hat, dass der Diskurs im Miteinander wichtig ist. Dieser Konsens zwischen den einzelnen Bild-Teilen zugunsten eines Ganzen dient der Information des Betrachters ebenso wie ihrer Einbindung in die Vergangenheit.
Letzteres geschieht in dem Sinne, dass ein historisches Wissen vom traditionellen Objekt bis zu den sinnlichen und religiösen Konnotationen bildnerische Wirklichkeiten entstehen lässt. Diese stechen dadurch hervor, dass sie nie die Präzision eines reinen Abbildes der Tradition wie der realen Präsenz anstreben. Die Malerei von Michael Franke orientiert sich jenseits von Alltagsrealität. Sie gründet auf anderen Ausgangsformen, sucht andere Bindungen, die der inhaltlichen Ausprägung ebenso wie der malerischen Unverwechselbarkeit.
Akzeptieren wir diesen Grundgedanken als richtig - die Bilder des Künstlers sprechen expressiv dafür - so werden wir in Welten-Landschaften eingeführt, die zwischen der Vedute und der Wiedergabe ohne Mimesis, von Cimmeria, dem nördlichen Land der Finsternis, über Borreas, der Gottheit des Nordwindes, zu Nifelheim, dem germanischen Land an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil, zu Seinszuständen wie denen des Entstehns usw. eingeordnet werden.
Der Kosmos der Bilderwelt von Michael Franke ist weit, offen und dennoch haftet er immer wieder an Torbogen und Gewölben; am Kolosseum, dem Forum Romanum und dem Palatin, dem Portico d’Ottavia usw. Die Arbeiten umfassen das Ádyton, das griechische Heiligtum, den Temenos, das Campidoglio, den Palazzo dei Conservatori usw.
Diese Beschreibung mag goethisch-römisch aufzählend klingen, aber sie entspricht exakt den biografischen Erfahrungen des Künstlers. Er lebt in der Geistigkeit dieser Welt. Dieser versucht er mittels seiner Werke bildnerische Gegenwelten hinzuzuaddieren, die nicht theologisch orientiert sind, sondern teleologisch, wie es Alois Riegl in seinem berühmten Buch über die römische Kunstindustrie in der panonischen Tiefebene 1904 formuliert hat; also von Kunstwollen bestimmt sind, d.h. von dem Willen des einzelnen Individuums, das kreativ wird.
Dem Betrachter eröffnen sich zwei Wege: 1. Er kann versuchen, über die Titel der Ausstellung zu eruieren, was der Maler gemeint hat, indem er ein Konversationslexikon konsultiert. Er wird fündig werden und zugleich selbst sehr viel erfahren. Er lernt über etwas, dass ihm nicht mehr bewusst war - dank nicht mehr tiefgründiger, wissenschaftlicher Erziehung. Er erkennt aber auch sofort, dass in der visuellen Ausprägung eine Reflektionsebene entstanden ist, die ihm die Chance bietet, die Bilder weiter zu diskutieren.
In allen Arbeiten versteckt sich ein dialogisches Prinzip, das Umberto Ecos Ideen von der opera aperta, dem offenen Kunstwerk, folgt. Der Betrachter kann sein Erfahrungswissen einbringen und es über das Bild erweitern. Aber im Gegensatz zu Umberto Eco kann er das Bild nicht virtuell vollenden. Er muss das Bild so akzeptieren wie es ist. Die Arbeiten von Michael Franke sind nie das, was die zeitgenössische Kunstrezeption so gerne hat, die opera aperta als non finito; die Nichtvollendung, die Michelangelo in die Kunst eingeführt hat, weil neue Auftraggeber verhindert haben, dass das ursprüngliche Kunstwerk finalisiert wird. Über Rodin ist es zu einem Stilprinzip bürgerlicher Akzeptanz geworden. Rodin schrieb nicht weniger als Bildhauer, sondern als Kunstwollender eine neue Kunstgeschichte; nicht bewusst und dennoch nicht ungeliebt.
Die Bilder von Michael Franke sind schön und doch nicht einladend. Sie bleiben sperrig. Sie sind dennoch vielversprechend. Sie unterliegen einer Sinnlichkeit, die Historizität beinhaltet ebenso wie die momentane Kraft einer intellektuellen Zielstrebigkeit.
2. Der Betrachter lernt, dass die reine Erkenntnis, egal in welcher Formulierung eines Autors, eine doch wieder sehr subjektive und persönliche ist, obwohl die Bilder diese Exaktheit der Formulierung vorgeben. Kein Betrachter wird versuchen können, diese Bilder umzuformulieren, anders zu erkennen, obwohl sie alle scheinbar mühelos ein einziger Indikator prägt. Die Handschrift des Künstlers schlägt überall durch.
Franke tendiert heute zu einer selten gewordenen Position. Viele seiner Zeit- und Altersgenossen suchen den permanenten Stilwechsel, die Ästhetik als Dienstleistung im Sinne des Handwerkers zum Nachteil des freien Unternehmers im Bereich der Ästhetik. Denn Franke überzeugt durch Handschrift, Ecriture, Stilwollen und Unabhängigkeit. Er argumentiert immer zugunsten der Freiheit des Bildes, das er dennoch einhängt in die geistigen Schaukeln der Traditionen.
Die Bilder entstehen langsam. Sie sind sorgfältig formuliert. Sie entstehen mit den verschiedensten Werkzeugen. Im Grunde genommen malt Franke in der alten flämischen Malweise der van Eycks mit eigenen Pigmenten, mit Lasuren, mit einer Leinwand, auf der Tempera und Öl vermalt werden. Es entsteht nicht nur eine malerische Dualität, sondern auch eine der verschiedenen technischen Möglichkeiten.
II. Michael Franke zeigt in seiner Ausstellung Axis Mundi, im Museo Nazionale di Castel Sant Angelo, 2005 in Rom, europäische Probleme auf, die wir im politischen Bereich mit dem Nord-Süd-Problem, in der Kunstgeschichte der Kultur aber immer als diese Dualität zwischen dem Norden und dem Süden fixieren. Ein mephistophelisches Problem wirkt bis heute, das auch als solare Gegenwart bezeichnet wird. Hier korrespondiert Goethe mit Dante, hier klärt sich, warum Caspar David Friedrich nicht nach Italien gegangen ist, ein Johann Anton Koch aber sehr wohl.
In den Arbeiten von Michael Franke kulminiert diese Symbiose zwischen Nord und Süd. Er gewinnt diesen unterschiedlichen bildnerischen Wirklichkeitswelten zwischen seinem holländischen Atelier und seinem römischen Aufenthalt neue Symbiosen ab, die sehr wohl vom Genius loci ausgehen, weil hier das Kraftfeld der Ideen des Künstlers lokalisiert, um zeitlose, einzelne Bildkompositionen zu garantieren. Die verschiedensten Seherfahrungen von Himmel, Licht, Bewegung und Konstanz. Reflektion und Vernetzung, Wasser, Baum, Haus, Nähe und Entfernung, Perspektive und Illusion suchen die Möglichkeiten einer gemeinsamen utopischen Basis optionaler Kunstwirklichkeit.
Michael Franke arbeitet geradezu als Topos einen historischen Kosmos auf, der seit Jahrhunderten unser Bild von Italien prägt. Zugleich zeigt er auf, dass die europäische Diskussion keine soziale, keine ökonomische ist (obwohl diese auch), sondern primär eine Frage der Bilder, der Kultur. Er weiß sehr genau um diesen Zusammenhang. Deswegen geht er immer wieder in die Vergangenheit zurück, lässt sich inspirieren von Goethes italienischer Reise und der Komplementarität deutscher und italienischer Geisteswelt. So entstehen diese Gemäldesequenzen mit großer Gestaltsymbolik als autobiografische Setzungen und ebenso als archetypischer Parcours. Michael Franke zeigt, wie das Innenbild der nord-südlichen Gegensätzlichkeit und Ausdruck einer axialen Bipolarität in der europäischen Anima Wirkung zeigt. Deswegen kann er die landschaftlichen Vorbilder wie Gebirgsfelsen, Ebenen, Grotten und Vegetation aufnehmen oder auch die Bauwerke altrömischer und griechischer Ruinen.
Franke versetzt seine Seh-Erfahrungen als Bildsprache in metaphysische Räume, die mit Schattenwürfen, Torbogen, Tempelpforten und Portalen sich vergegenwärtigen, um als einzelne Bildkompositionen genau dieses sich poetische Feld der präzisen lokalen Verortung wiederzugeben. Der äußere Weg wird durch Licht, Landschaft und Architektur zum Symbol und Synonym eines inneren Pilgerpfades.
Dazu bietet sich Rom als die ewige Stadt, als Caput Mundi usw. geradezu an. Hier erscheint alles in einer Einheit, was europäische Bildwerdung zeigt; die Hauptstadt der Welt, wie es Goethe formuliert hat. Jede Reise in Europa - das unterscheidet diesen Erdteil, der zurzeit politisch gefährdet ist, aus - ist ein Weg durch den Kontinent von Sinnbildern geistiger und geografischer Zusammenführungen, von Nord und Süd, aber auch, wie wir inzwischen erfahren haben, von West und Ost, von Ost und West, wie es der lernende und wissende Geheimrat aus Weimar in seinem Diwan bewundert.
In den Arbeiten von Franke spiegeln sich diese Gedanken der Einheit Europas als eine Verlebendigung der Vereinigung zwischen dem europäischen Genius und seiner ganzheitlichen Erfüllung. Deshalb dediziert er seine Ausstellung in der Engelsburg in Rom, in einem der historisch bedeutendsten Denkmäler von Rom, dem 15. Jahrestag der deutschen Einheit.
Ohne Pathos zeigen die Bilder des Künstlers auf, dass sich Geist und Malerei, Gedanken und Handwerk unmittelbar miteinander verbinden und Gültigkeit ausdrücken können, wenn sie durch ein Individuum geformt werden. Diese Bildwerdung ist nicht Resultat einer Gemeinschaftsarbeit, sondern der eines einzelnen. Gerade hier organisiert sich der europäische Gedanke am besten; dort, wo die Einzelnen pars pro toto wirken. Dass Europa ein Kontinent der Bilder ist, ist von den Politikern viel zu spät erkannt worden. Sie haben der Macht der Bilder misstraut. Sie glaubten, durch reine Ökonomie und soziale Systeme viele Jahrhunderte von Schlachten und Vernichtungen und Zerstörungen, von Feindschaften, Erbfeindschaften und Besatzungen, von Konzentrationslagern und anderen Gräueltaten durch eine neo-liberale Verfassung überwinden zu können. Deshalb haben sie nicht auf neue Visionen im Sinne von Bildern gesetzt, sondern auf den Euro, verfallende soziale Systeme, kollabierende Wirtschaften usw.
Der Maler aber vereist auf einen Kontinent oder auch nur ein Land, die ohne den Glauben an die Schlüssigkeit von Bildern ihren Weg in die Zukunft nicht schaffen können.
Dabei geht es nicht um heitere, um strahlende Illusionen, um Sonnenunter- und -aufgänge, um kosmische Situationen einer Spacenight, sondern um Bilder, die in ihrer Monochromie und leichten Farbigkeit Zustände reflektieren, die unseren historischen Bindungen adäquat sind, weil sie diese in das Morgen überführen. Insofern sind die Bilder von Michael Franke, das mag den einen oder anderen wirklich verwundern, nicht nur ein Ausdruck von stilistischem Wollen, sondern auch von Intellektualität und politischem Wollen.
Michael Franke ist auf der Suche nach einer essentiellen Malerei, die nicht mehr zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit unterscheidet, sondern zugunsten der Bildformulierungen entschieden wird, sowohl was den Inhalt betrifft als auch die Ausübung der Malerei mit einbegreift. Der Künstler versucht, heutigen Problemen nicht mit soziologischen Strukturen, die viele Künstler als Hilfswissenschaft vor sich hertragen, zu begegnen, sondern mit rein malerischen Mitteln Antworten zu geben. Als Wissenschaftler und Künstler ist er zutiefst davon überzeugt, dass nur die Symbiose verschiedener Bereiche die neue Wirklichkeit evozieren und ohne Kompromiss vollziehen kann, wenn sie Bild wird im wahrsten Sinne des Wortes. Franke malt Abbilder fernsichtiger Existenz.
Dieter Ronte, Bonn, Juni 2005
